Seine SMS holt mich in den Tag hinein, kurz nachdem ich eigentlich beschlossen hatte, heute nicht teilzunehmen, sondern mich meiner Müdigkeit hinzugeben. Die Luft ist schwer und es regnet diese Art von Regen, den man nicht sieht, sondern nur riecht, der einen kaum merklich berührt und scheinbar ohne eine Spur zu hinterlassen direkt versickert. Ich kaufe ein, bereite ein wenig das Essen vor, was ich ihm und mir irgendwann später kochen möchte. Nicht um ihm zu gefallen, sondern um mich für die vielen Rechtfertigungen in seiner SMS zu entschuldigen.
Am frühen Nachmittag steht er dann vor meiner Tür, ist die paar Meter vom Auto bis zur Wohnung durch das Wetter gerannt, Regentropfen in seinem Haar und Tag um seine Augen, Nacht um meine, Begrüßung auf den Mund. Es ist stürmisch. Wegen dem Wind knallt später irgendwo im Hausflur lautstark eine Tür.
Er macht sich klein und ich bin mir unsicher, ob er sich an mir festhält oder mich festhält. Kann ich noch bleiben? Beides.
Zwei Kaffees, ein friedliches Gespräch, eine Dusche und ein Essen später sitzt er an meinem Schreibtisch und korrigiert einige Chemietests seiner Schüler. Ich bin in der Küche, höre mit Kopfhörern Musik, beantworte endlich eine Mail, die schon seit Monaten im Posteingang auf eine Reaktion wartet, schreibe Nachrichten an andere und Notizen über ihn und weiß genau, dass ich dies nicht machen könnte, falls denn mehr zwischen ihm und mir wäre, selbst wenn ich es mir in besonders menschlichen Augenblicken wünsche.
Aber ich weiß, dass es so nicht für mich funktioniert und auch, dass es so für ihn nicht funktioniert. Doch im Nichtfunktionieren sind wir gerade ganz gut.
Was ich nicht weiß, ist, ob ich dieses viele Alleinsein der vergangenen Monate derzeit wirklich noch brauche. Ich kann es, aber das ist nicht das gleiche wie es zu wollen oder es zu brauchen.
Als sich schließlich gegen Abend die Luft endlich etwas abgekühlt hat, beobachten wir den erneut einsetzenden Nieselregen rauchend von meinem überdachten Balkon aus. Statt einer Wimper, puste ich eine Gewitterfliege von seiner Hand und sage ihm, er soll sich etwas wünschen. Er lacht kurz und vielleicht tut er es sogar.
Wünsche
31 MaiSommernachtsstraßen
27 MaiAls wir uns wieder anziehen, um Zigaretten zu holen, sagt er, ich solle nicht immer so viel Angst vor meiner Wirkung auf andere Menschen haben. Wie selbstverständlich nimmt er meine Schlüssel und meint, dass es nicht viele Menschen gibt, bei denen er sich so geborgen fühlt und die Furcht vor diesem Satz steht mir ins Gesicht geschrieben. Er liest ihn und fragt entschuldigend, mit welchen Worten man mich nur glücklich machen könnte. Wir gehen die Treppen herunter und ich weiß keine Antwort, werde sie erst morgen Nachmittag auf dem zweiten Treppenabsatz finden.
In jeglicher Hinsicht planlos, aber stets den Weg zum nächsten Zigarettenautomaten wissend, führe ich ihn durch die Sommernachtsstraßen. Die Wege sind belebter als in der Mittagshitze und tagsüber hört man auch nie so viele Menschen lachen. Treppen und Bürgersteige werden zu Balkonen und Privatcafés umfunktioniert, vor der Haustür liegt Konfetti und aus der Stadtmitte ertönt Feuerwerk, es ist die große Pause im Jahresplan.
Zurück in meiner Wohnung setzen wir uns ebenfalls auf den Balkon, in der Saison der warmen Nächte, von Mai bis August, umfunktioniert als Kulisse für gute und tiefe Gespräche. Auch in dieser Nacht erfüllt er seine Funktion, in dem Flackern der Laterne, dem Teelicht zwischen uns und der Schreibtischlampe drinnen, sehe ich ihn klarer als jemals zuvor. Während eines angenehmen Schweigens betrachte ich uns gespiegelt in der Fensterscheibe, die Undeutlichkeit nimmt uns jegliche Makel. Dem Publikum rate ich ebenso, nicht näher heranzugehen, es würde bloß die Illusion zerstören, als er seine Hand auf meine Wange legt.
Notizen (118, 120)
21 MaiIch mag es nicht, wenn die Sonne untergegangen ist und das Licht im Bahnwaggon nur noch das Innenleben auf das Fenster spiegelt. Man ist mit sich selbst dann so alleine.
Getroffene Entscheidungen sind wie erfüllte Wünsche: Es fühlt sich nur halb so gut an, wie man dachte, manchmal schmecken sie sogar etwas bitter. Und dafür der ganze Weg, für ein Leben in Konsequenzen, welches niemand aushält, weshalb man sich dazu entscheidet, weiter zu wünschen.
Treffer
14 MaiWer wären wir schon ohne unsere Probleme?
Ich schmiss die Frage einfach in den Raum. Keiner von uns schlief in dieser Nacht gut.
der lange Weg
13 MaiDie Temperatur beträgt 30°C, es ist der erste Sommertag in diesem Mai, am Bahnhof habe ich einen kleinen Einkauf erledigt und da mir kein Grund einfällt, schnell nach Hause zu kommen, beschließe ich zurückzulaufen. Ich wähle den langen Weg, durch eine nicht so gute Gegend dieser Stadt, eine ehrlichere vielleicht, eine ohne eigene Erinnerungen, ein weißes Blatt für meine Gedanken.
Mir kommen gleichaltrige Frauen in pinken Socken kombiniert mit blauen Satin-Highheels entgegen, Ehemänner mit Jägermeister-Basecaps und männliche Jugendliche mit Ohrschmuck (türkis, glitzernd) passend zu ihrem Shirt (türkis, glitzernd). Es riecht nach Schweiß, nach Plastik, nach Gras, ein Stromkasten surrt beunruhigend.
An heißen Tagen ist diese Stadt so eng, als würde sie sich zusammen ziehen, um noch das letzte bisschen Luft aus ihren Bewohnern hinaus zu pressen. Die Zigaretten schmecken nicht, Staub zieht sich durch die Luft, von der Sonne, von den Baustellen, von den Schienen. Ich wechsle auf die Schattenseite, die Häuser hier sind so verfallen, durch eine Berührung meiner Hand würden Farbe und Putz abblättern. Sie sind wunderschön, erzählen von alleine ihre Geschichten, haben nichts zum Verstecken. Da sind Einschusslöcher, eingeschlagene Fensterscheiben, Graffitis, Plakate und junge Bäume zwischen Dachziegeln, als wäre die Apokalypse, die uns eventuell noch bevorsteht, schon passiert. Mit diesem beruhigenden Gedanken überquere ich eine Seitenstraße, Kinder rennen mir spielend und lachend entgegen, eines von ihnen erschießt mich, kurz danach ertönen Sirenen, mein Kopf schmerzt und ich bin wärmemüde.
Ich versuche abzuschalten, will die Stadt leise haben, will keine Erzählungen mehr sehen, mehr hören, mehr lesen, bloß einen Moment der Ruhe. Ich denke an gestern und an morgen und an bald, doch weiter komme ich nicht. Der lächelnde Straßenbahnfahrer unterbricht mich, ich gehe über die Schienen hinüber zu dem Haus, in dem ich lebe, existiere, wohne, und bin keinen Schritt weiter.
Und außerdem habe ich die Milch vergessen.
S9, ICE 547, IC 2049
10 Mai• „Kopf hoch“ fünf mal innerhalb von zwei Minuten am Bahngleis. • Umsteigen in Essen Hauptbahnhof. Beim Bäcker finden sich in der Auslage keine Franzbrötchen mehr, mein Standardreiseaccessoire und die Frage des Verkäufers, was ich denn gerne hätte, überfordert mich kurzzeitig komplett. Wenn ich noch neurotischer wäre, würde ich diese Bahnreise nun nicht antreten können, aber glücklicherweise sehe ich ein wenig später auf meiner Reservierung, dass ich auf Platz 77 sitze, eine Zahl, die ich sehr gerne mag, und so gleichen sich meine Neurosen aus. | In der linken Ecke meines Lächelns klebt eine Antwort.| M. sagte einst über seinen Sohn: „Ich bin sein zu Hause, obwohl ich gar nicht weiß, was das genau ist.“ Und vielleicht ist es so, dass sich Menschen nicht in Frauen und Männer aufteilen (was sowieso nochmal eine ganz andere Kiste ist), sondern in jene, die ein zu Hause sind und jene, die ein zu Hause in ihnen finden und natürlich die Mischwesen, die das Unglück oder Glück haben, beides zu sein. Ich glaube, ich bin ein zu Hause, habe es von Menschen gehört, jedenfalls für den Moment. Und vielleicht kann ich eines Tages mein eigenes zu Hause sein und bin statt dauernd innerlich unterwegs, immer angekommen. Denn eigentlich zähle ich mich zu der Generation Heimatlos, aber dieser Gedanke des Nichtankommens macht mir solche Angst, wo es doch eigentlich so konträr zu meinem nach Routine suchendem Wesen ist. Aber vielleicht erwarte ich bloß zu viel. | Mein Buch lege ich nach wenigen Seiten wieder aus der Hand, meine Sinne sind zu offen, um mich darauf zu konzentrieren. Also lese ich in der Landschaft und in den Menschen. | Der Mann, der mir gegenüber sitzt, hat in einer Tüte Die Zeit dabei, liest jeden Teil einzeln, trennt manche Seiten reißend voneinander und ich bin froh, dass ich nicht die einzige bin, die mit dem Umfang dieser Zeitung überfordert ist („Sie wollen am Wochenende Ihre Wohnung streichen? Kein Problem! Am Donnerstag Die Zeit kaufen, lesen und anschließend zum Schutz einfach auf dem Boden auslegen, es reicht locker für ein geräumiges Wohnzimmer. Und wenn Sie ganz pfiffig sind, können Sie sich auch noch ein lustiges Papierhütchen falten, damit Ihnen die Farbe nichts ins Haar spritzt. Recycling!“). • Hannover Hauptbahnhof, Anschlusszug verpasst, doch ich bin dankbar für den Wind und die Raucherpause und eilig habe ich es nicht. Zum allerersten Mal gehe ich bewusst an die Stelle, an der ein schönes Kapitel in meinem Leben begann, dort habe ich die Liebe kennengelernt. | Ikeagelbe Blumenfelder, mein Körper fühlt sich klebrig an, wie in Cola getaucht, die Luft gleicht Plastik. | Vielleicht ist ein Plan ein Kompromiss zwischen Wunsch und dem, was man erwarten kann. • Mit 1 1/2h Verspätung angekommen, stolper ich direkt in den Sommer. Das Grün der Bäume ist förmlich explodiert, ich schwitze, die Straßen flimmern und mein Lächeln überrascht niemanden mehr als mich selbst. | Ausgepackt und geduscht nach Sonnenuntergang noch eine Zigarette auf dem Balkon rauchen, dem Lichtspiel zwischen Straßenlaterne und Baumblättern zu sehen und lauschen. Ich riskiere einen Blick von draußen hinein in meine Wohnung, wo die Winkelmonster lauern. Ich ignoriere sie, genieße die Einfachheit und hoffe, dass dies mein letzter Sommer hier wird, denn ich kann es kaum erwarten, das alles hier zu vermissen. Ich bin noch etwas orientierungslos, aber ich bin zurück.